Bei diesem Unfall verbrannte ein Kind auf der Rücksitzbank eines 1999er Grand Cherokee. Foto: NHTSA

Das gab es in den letzten zwei Jahrzehnten äußerst selten – ein Auto-Hersteller lehnt sich gegen die mächtige amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA auf und lehnt den geforderten Rückruf von 2,7 Millionen Jeep Grand Cherokee und Jeep Liberty ab. Und das, obwohl der Vorwurf schwerwiegend ist. Laut NHTSA können bei diesen Chrysler-Modellen bei einem rückwärtigen Auffahrunfall der Tank beschädigt werden und Feuer entstehen.

Die Autos seien sicher, versicherte der heute zum italienischen Fiat-Konzern gehörende Hersteller und das Unternehmen bürge für die Qualität seiner Fahrzeuge. Die von der NHTSA angeführten Vorfälle, so Chrysler in seiner Erklärung, seien höchst selten. Im Gegenteil gehörten die beiden Geländewagen-Typen zu den sichersten Fahrzeugen ihrer Zeit.

So weit – so schlecht. Denn bei diesem Chrysler-Statement muss die Frage erlaubt sein, wie viele Menschen müssen in einem Automodell erst sterben oder schwer verunglücken , ehe man sich zu einem Rückruf entschließt. Heißt es doch nicht nur in Sonntagsreden: Ein Toter ist schon zu viel.

Und es sind erheblich mehr Menschen in den Grand Cherokee der Modelljahre 1993 bis 2004 und in den Jeep Liberty der Modelljahre 2002 bis 2007 bei rückwärtigen Auffahrunfällen umgekommen. Die NHTSA hat beim Grand Cherokee 44 Tote bei 32 Unfällen und beim Liberty sieben Tote bei fünf Unfällen aufgelistet, die nach den Unterlagen der Behörden eindeutig auf die gefährliche Platzierung des Tanks zurück zu führen sind. Und diese Liste erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

Erfreulich und – zumindest, wenn man der Chrysler-Aussage folgt – merkwürdig zugleich: Nach dem in 2005 erfolgten Modellwechsel des Cherokee, wo unter anderem auch der Tank vor die Hinterachse platziert wurde, wurden keine entsprechenden Unfälle mehr mit diesen neuen Fahrzeugen bekannt. Alles nur Zufall?

Wohl kaum. Und da die NHTSA nicht locker lassen dürfte, muss sich Chrysler wohl doch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Nämlich der  Daimler-Chrysler-Zeit, die schließlich erst im Mai 2007 endete. Dabei ist schwer zu glauben, dass die damaligen Verantwortlichen keine Kenntnis von den eigenen, brennenden Fahrzeugen hatten. Und wieder stellt sich die Frage, warum nicht bereits damals gehandelt wurde. Gewiss, in 2004 und 2005 hatte man nach langen Jahren endlich mal wieder einen Gewinn eingefahren, der bei einer Rückruf-Aktion wohl aufgezehrt worden wäre. Doch rechtfertigt das, Menschenleben leichtfertig zu gefährden. Jetzt sollte sich aber Fiat als neuer Mehrheitseigner von Chrysler sich seiner Verantwortung stellen und die Fehler der Stuttgarter so schnell als möglich ausbügeln. (WebAutoBlog.com/Hans H. Grassmann)

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